Vier Flüchtlinge aus dem Nordkreis und ihre Träume

Betriebe helfen

Altkreis Bersenbrück. Sie wollen es in Deutschland beruflich schaffen, auch wenn es nicht leicht ist: Ergys Vidrica, Mousa Eshmawe, Yazan Abo Ayshah und Mouaz Abo Ayshah. An dieser Stelle stellen wir sie, ihre Träume und ihre Arbeitgeber einmal vor.

 

Ergys Vidrica

Seit zwei Jahren ist der 17-Jährige Albaner aus Bajram Curri in Deutschland. Er wohnt in Neuenkirchen/Bramsche. An den BBS Bersenbrück machte Ergys 2015 seinen Hauptschulabschluss in einer Berufsvorbereitungsklasse. Seit Oktober 2015 arbeitet er im Rahmen einer 10-monatigen Einstiegsqualifizierung (EQ) im Autohaus Gertken in Voltlage. Ergys Vidrica ist der erste Flüchtling im Nordkreis, der in eine EQ-Maßnahme genommen wurde. Sein Berufswunsch: KFZ-Mechatroniker. Die Chancen, im August 2016 an seinem jetzigen Arbeitsplatz in ein Ausbildungsverhältnis übernommen zu werden, stehen nicht schlecht. Zur Zeit macht er seinen Führerschein, für den er sich das Geld zusammen gespart hat. Parallel zu seiner EQ besucht er an zwei Tagen in der Woche die Berufsschule und führt ein Berichtsheft. Fachlich arbeitet er mit seinem Werkstattmeister diverse Module ab – Voraussetzung für eine mögliche Anerkennung von sechs Monaten EQ auf die Ausbildung.

Beim Probepraktikum den besten Eindruck hinterlassen

Berthold Gertken, sein Chef, ist zufrieden: „Von allen Bewerbern auf unsere Ausbildungsstelle hat er beim Probe-Praktikum den besten Eindruck hinterlassen. Ergys lernt schnell, ist zuverlässig, fleißig und höflich. Sein Deutsch hat enorme Fortschritte gemacht. Er macht die EQ, weil er noch Zeit braucht, um das deutsche System kennenzulernen.“

 

Mousa Eshmawe

Der 19-jährige Syrer ist vor zwei Jahren mit seiner Mutter und fünf Geschwistern aus Damaskus nach Deutschland gekommen. Die Familie lebt in Bersenbrück. Bis zu seiner Flucht hat Mousa in Damaskus die elfte Klasse eines Gymnasiums besucht. Seit Januar nimmt er bei Kemper/Fleischwaren an einer Einstiegsqualifizierung teil, mit dem Ziel im August dort einen Ausbildungsplatz zu bekommen. Sein Berufswunsch: Mechatroniker. Zur Zeit wird er in der hauseigenen Lehrwerkstatt in die Grundfertigkeiten für seinen späteren Beruf eingeführt: fräsen, drehen, Grundzüge der Elektrotechnike.

Eine gute Maßnahme für Flüchtlinge

Mario Struckmann ist Ausbildungsmeister bei Kemper/Fleischwaren und betreut 18 Mechatronik-AZUBIS. „Für uns ist das Neuland. Es ist die erste Einstiegsqualifizierung, die wir machen. Wir halten das EQ für eine gute Maßnahme, um gerade junge Flüchtlinge zu integrieren, damit sie später vernünftig in die Ausbildung einsteigen können.“

 

Yazan Abo Ayshah

Der junge Syrer ist vor sechs Monaten alleine mit seinem Bruder aus Damaskus nach Deutschland geflüchtet. Seit einigen Monaten nun lebt der 20-jährige mit seinem jüngeren Bruder bei einer Familie in Gehrde. In Damaskus hat Yazan sein Abitur gemacht. Wäre der Krieg nicht ausgebrochen, hätte er ein Ingenieurstudium aufgenommen. Yazan spricht bereits bemerkenswert gut Deutsch. Seit Februar arbeitet er im Rahmen einer Einstiegsqualifizierung beim Autohaus Fehrmann in Gehrde. Sein Berufswunsch: KFZ-Mechatroniker. Yazan schätzt vor allem die gute Atmosphäre: „Alle sind sehr nett. Ich kann alles fragen und ich lerne viel.“

„Yazan ist hoch motiviert“

Franz-Josef Fehrmann, Inhaber des Autohauses, ist Mitglied im Vorstand der KFZ-Innung. Er hält viel davon, Flüchtlinge möglichst schnell in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren. „In vielen jungen Menschen, die jetzt zu uns kommen, steckt eine Menge Potenzial. Wenn das gut läuft, ist das eine große Chance für Deutschland. Yazan ist freundlich und umgänglich – er ist hoch motiviert und lernt schnell.“

 

Mouaz Abo Ayshah

Der 18-jährige ist zusammen mit Bruder Yazan vor sechs Monaten nach Deutschland gekommen. Seit vier Monaten lebt der junge Syrer, wie sein Bruder, bei einer Familie in Gehrde. In Damaskus hat Mouaz noch die elfte Klasse des Gymnasiums zu Ende bringen können. Gäbe es keinen Krieg in Syrien, hätte er in diesem Sommer sein Abitur gemacht und bei seinem Onkel in Damaskus das Tischlerhandwerk gelernt. Der hatte nämlich eine große Werkstatt und fertigte hauptsächlich Küchen und Schränke. Der Onkel ist mit seiner Familie mittlerweile nach Schweden geflohen. Seit Februar arbeitet Mouaz in der Tischlerei Reilmann in Bersenbrück. „Die Arbeit mit Wolfgang Reilmann macht mir viel Spaß, das passt gut“, sagt er in gutem Deutsch.

Chance auf eine Lehrstelle

Wolfgang Reilmann, Tischlermeister, ist von seinem Schützling sehr angetan. „Was er macht, macht er sehr gewissenhaft, man merkt, dass Mouaz das Handwerkliche liegt. Wir arbeiten zusammen mit dem Ziel, das Praktikum in einer Lehrstelle münden zu lassen.“ Reilmann schildert weiterhin, dass es zunehmend schwierig sei, junge Leute zu finden, die heute noch ein Handwerk lernen wollen. „Leider ist es so, dass nicht mehr viele junge Leute richtig körperlich arbeiten wollen und können“, sagt er.

 

Zur Sache

Die betriebliche Einstiegsqualifizierung – kurz EQ genannt – ist ein von durch die Arbeitsagenturen gefördertes Angebot der Wirtschaft an junge Menschen, die bis Ende September eines jeden Jahres noch nicht in einen Ausbildungsberuf vermittelt wurden. Das Angebot dieses fachbezogenen Langzeitpraktikums richtet sich an bedingt ausbildungsfähige Jugendliche. Tätigkeiten und Inhalte der betrieblichen Einstiegsqualifizierung sind stets Bestandteile staatlich anerkannter Ausbildungsberufe und werden zu Beginn der Maßnahme vertraglich geregelt. Dadurch ist der Übergang in einen Ausbildungsberuf nach Beendigung der Maßnahme möglich.
Die Gesamtförderdauer der EQ liegt zwischen sechs Monaten und einem Jahr. Jugendliche, die ein EQ absolvieren, erhalten von der Arbeitsagentur eine monatliche Vergütung zuzüglich eines Anteils am Gesamtsozialversicherungsbeitrag.

Auf den vermehrten Zuzug junger Asylsuchender hat die Agentur für Arbeit reagiert und die betriebliche Einstiegsqualifizierung auch für diesen Personenkreis geöffnet. Jetzt können Asylbewerber mit einer dreimonatigen Aufenthaltsgestattung beziehungsweise Duldung ein solches Langzeitpraktikum antreten. „Wir haben im Nordkreis aktuell 343 unbesetzte Ausbildungsstellen. Viele Asylsuchende können handwerkliche Ausbildungen machen und die Facharbeiter von morgen sein, die die Betrieben dringend benötigen“, so Carolin Goda, Leiterin der Arbeitsagentur Bersenbrück. Ansprechpartner der Arbeitsagentur für Arbeitgeber ist Thomas Schnieder, Telefon 0541/980596.

(Mit freundlicher Genehmigung: Bersenbrücker Kreisblatt, 2.2.2016)
Artikel & Foto: Wilhelm Brüggemann
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