Präventionsprojekt in Quakenbrück wühlt Schüler auf

Schockierende Bilder und Berichte

Quakenbrück. Wer noch keine Beklommenheit empfunden hatte, als er die abgedunkelte Aula des Artland-Gymnasiums in Quakenbrück mit den Grabkreuzen und -lichtern betreten hatte, spürte sie spätestens bei den Worten eines Uniformierten auf der Bühne: „Wir erfinden nichts dazu, wir lassen auch nichts weg, alles ist real“, deutete der Polizist mit ernster Stimme an, was die Zuhörer bei der Vorstellung des Präventionsprojektes „Abgefahren – wie krass ist das denn?“ erwartete: schockierende und emotional schwer zu ertragende Bilder und Momente. Dazu bewegende Berichte von Menschen, die tote oder schwer verletzte junge Unfallopfer bergen mussten, und von Eltern, die urplötzlich ihren Sohn verloren.

Prävention ist das Ziel der Initiatoren dieser Veranstaltungsreihe von Polizei, Feuerwehr, Rettungsdiensten, Notfallseelsorge und Landkreis. Gearbeitet wird dabei mit schlimmen Bildern, Abschreckung und Emotionen – ganz bewusst, denn die Zielgruppe – junge Menschen zwischen 16 und 19 Jahren, insbesondere Fahranfänger – sollen aufgerüttelt werden. Schwer genug sei es, sie „auf normalem Wege“ zu erreichen, sagt Initiator Karl-Heinz Klenke. Daher hätten sich die Expertengremien entschlossen, zur Schocktherapie zu greifen.

Schocktherapie

Mehrfach im Südkreis bereits aufgeführt, hatte das Projekt jetzt im Artland Premiere vor Schülern des AGQ und der BBS Bersenbrück. Viel Zeit hatten Eltern, Polizei, Sanitäter und Seelsorger für die Proben investiert. „Was soll ich machen?“, fragte eine Polizistin am Mikrofon auf der Bühne kurz vor Beginn in Richtung Regie. „Einfach sprechen!“, kam die Antwort – ein zufälliger Dialog, aber fast symbolisch für das, was man traumatisierten Angehörigen oder Überlebenden nach schweren Unfällen empfehlen kann.

Am 18. September 2013 ereignete sich ein schrecklicher Verkehrsunfall mit vier tödlich verunglückten jungen Menschen. „Ich hätte eigentlich frei gehabt“, sagt eine Polizeibeamtin, „aber ich war im Dienst, als um 20.53 Uhr die Meldung einging ‚Unfall mit Toten und Schwerverletzten in Dissen.‘“ Wie ein Schlachtfeld habe es vor Ort ausgesehen: Ein halb nackter blutverschmierter Mann sei auf sie zu gerannt mit einem Messer in der Hand – ein Ersthelfer, der die Gurte im Unfallfahrzeug durchgeschnitten hatte.

Mehrere Tote hätten im zerfetzten Auto oder am Straßenrand gelegen, der Fahrer des Wagens, auf den die Jugendlichen geprallt waren, habe ständig fassungslos gestammelt: „Ich wollte doch ausweichen, aber ich hab’s nicht geschafft.“ Schreckensszenen wie ein Albtraum, auch für gestandere Beamte: „Ich bin Polizistin, aber ich bin auch nur ein Mensch“, gestand sie den atemlos lauschenden Schülern.

Totenstille in der Aula

Eindrucksvoll zu Wort meldeten sich Polizeichef, Unfall-Ersthelfer, Sanitäter, Notfallseelsorger und die Eltern des verstorbenen Marvin. „Vor Ort schossen mir Gedanken an meine eigenen Kinder durch den Kopf“, bekannte der Polizei-Einsatzleiter. „Ich rannte zum Unfall-Kfz und sah: Es gehörte einem guten Freund von mir“, erinnerte sich der Assistent der Notärztin. „Mein Kollege hat auf der Fahrt mit einem lebensgefährlich verletzten Jungen zur Klinik gesagt: Du kannst Martinshorn und Blaulicht ausschalten, er atmet nicht mehr“, erzählte DRK-Rettungssanitäter Alexander Dehrenkämper (24) mit stockender Stimme. „Ich war geschockt, wütend, traurig. Und dann, als wir ihn tot ins Klinikum brachten, klingelte sein Handy – die Eltern? Freunde?“

Totenstille herrschte in der Aula, unterbrochen durch tiefes Atmen oder ein Schluchzen. Die Schilderungen der Polizisten, die die Familien der Opfer aufsuchen mussten, gingen durch Mark und Bein. Auch die Worte von Notfallseelsorger Bernd Knoblauch aus Hilter änderten da nichts: „Ich konnte den Eltern und Geschwistern keinen Trost spenden, konnte nur versuchen, es zusammen mit ihnen auszuhalten. Nichts ist mehr so, wie es war, wenn so etwas passiert.“

Angst und Sorge steigerten sich nachts um 22.40 Uhr bei der Mutter von Marvin (18), als die Unfallnachricht eintraf: „Mein Mann rief bei der Polizei an, sie konnten und durften nichts sagen.“ Als die schreckliche Gewissheit vom Tod ihres Sohnes kam, brach eine Welt zusammen: „Ich habe später am Sarg gedacht, ich ertrage es nicht. Ich wollte Schluss machen, aber ich funktioniere – für meine Familie. Marvin hätte es so gewollt. Ja, er war unser Sonnenschein.“ Die gemeinsame Trauerfeier für alle vier Opfer mit über 500 Menschen habe sie etwas aufgerichtet, danach fiel sie in ein tiefes Loch.

Zum Schluss: Todesanzeigen der Jugendlichen mit ihren Bildern auf der Leinwand, dazu auch noch der Song „Geboren um zu leben“ von Unheilig – das erzeugte pures Mit-Leid im Saal, Beklemmungen, Emotionen stärkster Art – wahrlich krass. Kleine Zettel mit „Lebensträumen“ (Abitur, Job-Wünsche, Freunde, Weltreisen) hatten zahlreiche Schüler vorher im Foyer auf einen großen Ballon geklebt, der auf der Bühne mit lautem Knall zerplatzte, als die Träume verlesen wurden. Geschockte und verweinte Gesichter verrieten beim Verlassen der Aula: Die Zuhörer hatten verstanden – übrigens nicht nur die Jugendlichen.

Stimmungen und Stimmen

Viele Schüler standen nach der Vorstellung des Präventionsprojektes „Abgefahren – Wie krass ist das denn?“ vor der Aula in kleinen Gruppen zusammen, redeten, umarmten sich, ja hielten sich aneinander fest. Nur wenige wollten reden, aber Fürstenaus Samtgemeinde Bürgermeister Benno Trütken, der wie Kriminalrat Oliver Voges vom Polizeikommissariat Bersenbrück mit den Eltern der Opfer sprach, stellte sich: „Ich hege Bewunderung für alle, die am Projekt beteiligt sind.“

„Für uns ist das auch eine Art der Trauerbewältigung“, offenbarte der Vater von Marvin, der im Alter von 18 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. „Im Projektteam sind wir alle Freunde geworden. Wenn wir hier helfen können, auch nur ein einziges Leben zu retten, hat es sich gelohnt. Zum Glück geht es Marie, die auf dem Beifahrersitz saß, heute wieder gut.“

„Es ist schrecklich für Eltern, wenn ein Kind vor ihnen stirbt“, gestand Marvins Mutter leise. „Wenn ein Jugendlicher, der zum Rasen neigt, jetzt überlegt ‚So etwas will ich meinen Eltern nicht antun‘, dann haben wir alles richtig gemacht.“ Sie hoffe, dass durch die Bilder Schocks und heilsame Emotionen geweckt würden.

„Die Jugendlichen waren heute noch mehr angegriffen als anderswo, aber das ist auch unser erklärtes Ziel – Betroffenheit zu erzeugen“, betonte Initiator Karl-Heinz Klenke. „Weil mich das Projekt in Melle beeindruckte und hier auch viele Unfälle passieren, habe ich mich dafür eingesetzt, es nach Quakenbrück zu holen“, schilderte Bernadette Barwig, Lehrerin und koordinierende Fachberaterin im Bereich Verkehrserziehung am AGQ.

„Ich glaube, die Schockwirkung hilft, dass gerade Fahranfänger einen Gang herunterschalten. Ich werde mich auf jeden Fall daran halten“, äußerte sich Anna Albers, Schülerin aus Essen/Oldenburg, entschlossen. „Ich glaube aber, einige werden das bald wieder vergessen.“ „Reaktionen in solch einem Ausmaß hätte ich nie vermutet“, sagte Marie Eckelmeier, ebenfalls Essenerin. „Man denkt halt an seine eigene Familie und Freunde, wie die leiden würden. Das Schlimmste war für mich, als Marvins Mutter davon erzählte.“

 

(Mit freundlicher Genehmigung: Bersenbrücker Kreisblatt, 26.1.2016)
Text & Foto: Bernard Middendorf
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