Gothic-Gottesdienst in Nortrup

Eine Leiche im Kirchengang

Nortrup. Zum vierten Mal hat der Bersenbrücker Berufsschulpastor Uwe Brand am Samstagabend die evangelische Dorotheenkirche in Nortrup wortwörtlich in ein anderes Licht getaucht und mit einem Gothic-Gottesdienst ungewohnte Töne erklingen lassen.

Der Gang zwischen den Besucherreihen beidseitig mit Grablichtern gesäumt wirkt wie eine Landebahn, eine Nebelmaschine spuckt etwas Qualm aus, hinzukommen weiße Blitze hinter dem Altar, an dessen Seiten zwei Banner von „The Dark Butterfly“ künden. Spätestens beim Betreten des Gotteshauses wird klar: Heute ist es hier anders.

„1982, als ,The Cure‘ mit ihren Ananas-Frisuren auftraten – die Szene war mir fremd“, sagt Uwe Brand. „Durch zwei Konzertbesuche in Witten habe ich die Szene als tiefgründig, offen, tolerant und vielschichtig kennengelernt“, berichtet der Schulpastor der Berufsbildenden Schulen in Bersenbrück.

Seine Erwartungshaltung? „Dass es funktioniert und auch die Szene angesprochen wird, aber auch, dass Grenzen aufgelöst werden und eben nicht nur Szeneanhänger kommen“, antwortet der 55-Jährige. „Der Gottesdienst verläuft nach Agende 1“, beruhigt er potenzielle Bedenkenträger.

„Wir werden heute 13 Stücke spielen, acht davon sind neu, eines sogar extra für hier komponiert“, schildert Kevin Morgen, der Sänger und Textschreiber des Duos „The Dark Butterfly“. Am 25. November werde das Album „Segen und Fluch“ erscheinen, kündigt der 23-Jährige an.

„Wir sind seit 2008 in Dortmund aktiv“, sagt sein Kollege Marcel Schulze, der Komponist und Keyboarder. „Witten, Witten, Witten und jetzt Nortrup“, listet der 21-Jährige die bisherigen Auftrittsorte in einer Mittelalterkneipe und einem Jugendkulturzentrum auf.

Was bedeutet Kirche für die Musiker? „Ich glaube schon an Gott und viele meiner Texte sind auch religiös“, antwortet Morgen. „Ich glaube auch an etwas, aber brauche dazu keine Kirche“, findet Schulze.

„Zehn der 13 Schüler unserer Erzieherklasse F2Q1 wirken hier mit und vier der fünf gezeigten Videos haben wir selber produziert“, sagt Florian Strobeck, der zusammen mit Mareen Kemper Kamera geführt hat.

„Ich war auch bei den bisherigen drei Gottesdiensten und freue mich einfach jedes Mal“, sagt Sandra Mogalle. „Ich mag Kirche eigentlich, aber sie ist einfach zu normal“, findet die Quakenbrückerin. „Da ist es hier spannend – ein Highlight“, freut sich die 29-Jährige.

Kern der kirchlichen Show ist Lazarus, der dann halt einmal tot mitten im Gang liegt. Quasi als Showmaster Gottes fungierend, moderiert Brand vom Bibelwort über das Musikstück bis hin zum Video, spricht Besucher auf eigene Erfahrungen mit Trauer an und zitiert Rainer Maria Rilkes Gedicht Lazarus.

Gar gruselig wird es, als eine Person mit kalkweißen Gesicht langsam durch den Gang zieht und ihr Fingerzeig bedrohlich über die Runde wandert. So eine Wirkung hat Darstellerin Isabelle Heyer privat wohl eher nicht.

Schließlich wird Lazarus von einer schwarz gekleideten Gruppe mit weißen Masken nach vorne getragen. Wieder lebendig geworden, befreien ihn seine Träger von seinem Verband. Überall in der Kirche leuchten Knicklichter.

Sänger Morgen verstärkt die bestens verständlichen deutschen Texte durch akzentuierte Bewegungen seiner Hände mit den schwarzen Fingernägeln. Die Innenwölbungen des Altars leuchten in orange, während die Außenseiten von grün auf blau wechseln – ein distinguiertes Lichtambiente.

„Schön war’s, der Funke ist übergesprungen. Ich habe sogar Leute von 2013 wiedererkannt“, resümiert Brand nach dem Gottesdienst, an dessen Ende er insbesondere seiner Erzieherklasse, dem vierköpfigen Basileia-Team, das ihm seit 20 Jahren eine treue Stütze sei, und seiner Landeskirche dankt. Die beiden Musiker schreiben derweil auf dem Altar Autogramme.

Was nächstes Jahr kommt? „Keine Ahnung. Die Schüler wollen Reggae oder Hip-Hop. Aber Letzteres mache ich nicht, dafür bin ich zu alt“, antwortet Brand.

Grablichter säumten den Mittelgang der Nortruper Dorotheenkirche beim Gothic-Gottesdienst, bei dem die Dortmunder Band „The Dark Butterfly“ den musikalischen Part übernahm. Foto: Björn Thienenkamp

(Mit freundlicher Genehmigung: Bersenbrücker Kreisblatt, 13.11.2016)
Artikel:Bjoern Thienenkamp
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